Hochzeiten zählen zweifelsohne zu den wundersamsten sozialen Ereignissen, die eine Gesellschaft hervorzubringen im Stande ist. Bei kaum einem anderen Anlass treffen so viele so unterschiedliche Menschen zu einer privaten Feier zusammen, um gemeinsam der Liebe zu frönen. Ganz zu schweigen von den Dramen, die sich im Vorfeld einer solchen Feier abspielen. Der Pfarrer sagt ab. Die Location hat den einzigen großen Saal versehentlich doppelt gebucht (und bemerkt das wenige Wochen vor der Hochzeit). Die Änderungsschneiderei mit dem Brautkleid darin brennt ab. So Sachen halt. Alles schon miterlebt. Ernsthaft. Starten möchte ich diese Serie  mit der Geschichte der Braut, die ihre eigene Hochzeitsfeier mit einer zweiten Braut teilen musste.

Und das kam so: „Kleidung: Festlich oder Tracht“, so hatten Karin und ihr Künftiger in ihrer Einladung den Dresscode beschrieben. Tracht, ja, Tracht ist der Definition nach klar, möchte man meinen. Festlich dagegen, gut, festlich ist ein dehnbarer Begriff. Der Duden umschreibt es mit „edel, elegant, exquisit, fein“. Karin jedenfalls meinte damit etwas wie Cocktailkleidchen, Taftröcke und Anzüge und verschwendete nicht einen einzigen Gedanken daran, dass jemand die Formulierung in irgendeiner Weise missverstehen könnte. Sie hatte nicht mit Vanessa gerechnet.

 

Vanessas Traum

Vanessa hatte im Jahr zuvor geheiratet, auch ihr Dresscode sah für die Damen das Tragen eines feierlichen Leibchens vor, und Karin war damals in Pumps und einem dunkelblauen Cocktailkleid erschienen. Vanessa trug, wie es nun mal Angewohnheit von Bräuten ist, ein Brautkleid. Crèmefarben, A-Linie, klassisch, wallend. „Ein Traum!“, hatte Karin damals beim Sektempfang nach der Trauung zu Vanessa gesagt.

Das fand Vanessa auch, das mit dem Traum – und viel zu schade, um ihn nach einmaligem Tragen im Kleiderschrank verstauben zu lassen. Aber wo sollte Frau jemals noch ein Brautkleid tragen!? Wenn sie schick essen ging? Nein, Gott bewahre! Und am Ende gäb’s Tomatensuppen-Flecken auf dem wallenden Traum! Nicht auszudenken! Also vielleicht ins Theater? In die Oper? Zu den Bayreuther Festspielen? Nein, nein und nein. Bliebe nur… eine Hochzeit! Klar, wo sonst auch trägt die Dame von Welt in ihrem Leben jemals Brautkleid? Gut, nur weil die meisten Frauen es bei der eigenen Hochzeit bewenden lassen, muss das ja nicht unbedingt heißen, dass man es nicht auch mal anders machen könnte. Vanessa konnte.

 

Drama auf der Hochzeit

Und als Karin an jenem Frühlingstag stolz wie Bolle und mit dem verzückten Strahlen einer Braut in die Kirche schritt, erhaschte sie im Augenwinkel eine crèmefarbene Wallepracht, die dort in der dritten Reihe in einer Kirchenbank klemmte. Erst aber, als sie schließlich nach der Trauung die Kirche verließ und hinaustrat in die Mittagssonne, erreichten die Bilder ihr Bewusstsein und Karin begriff, was die da sah. Da stand Vanessa, umringt von ihren gemeinsamen Freundinnen, gehüllt in ein B-R-A-U-T-K-L-E-I-D! Ein B-R-A-U-T-K-L-E-I-D!

Sie fasste die Hand ihres gerade Angetrauten fester. In guten wie in schlechten Tagen hieß es ja. Steffen zuckte – einmal wegen der Fingernägel seiner Frau, die sich da in seine Hand bohrten, einmal, weil da noch eine zweite Frau im Brautkleid bei dem Sektempfang seiner Hochzeit stand.

Es ist nicht überliefert, ob Vanessa weiter im Brautkleid an der Hochzeitsfeier von Karin und Steffen teilnehmen durfte oder ob sie von anderen Gästen oder gar der Braut zum nächsten Taxi geleitet wurde. Klar ist: Vanessa bescherte Karin mit ihrem Auftritt einen Moment der Sprachlosigkeit und irritierten Fassungslosigkeit. Und eine Szene, wie sie wohl nur sehr selten in den Erinnerungen von Bräuten auftauchen dürfte.

Alle Geschichten dieser Serie beruhen im Kern auf wahren Begebenheiten. Namen, Beschreibungen von Aussehen und anderen Identifikations-Merkmalen sind dagegen rein fiktiv.

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